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Was schiebt sich vor dein Licht?

13. Aug.
4 Min. Lesezeit

Über Sonnenfinsternis, die Bürde des Menschseins und eine Krone, die wir nicht loslassen wollen


Über Sonnenfinsternis, die Bürde des Menschseins und eine Krone, die wir nicht loslassen wollen, christian vorsmann . marsberg

Es gibt Wahrheiten, die wir gerne verstehen. Und es gibt Wahrheiten, die wir lieber nicht leben möchten. Wir sprechen davon, dass wir mehr sind als unser Körper, unsere Geschichte, unser Erfolg. Wir sprechen von Seele, Bewusstsein und davon, dass unser eigentliches Wesen unvergänglich ist. Ich selbst sage seit Jahren:


Du bist das Licht und nicht die Glühbirne. 


Und trotzdem verbringe ich einen erstaunlich großen Teil meines Lebens damit, mich um die Glühbirne zu kümmern. Wird sie gesehen? Wird sie geliebt? Hat sie Erfolg? Bekommt sie endlich das Leben, das sie sich gewünscht hat? Vielleicht liegt genau darin eine der größten Bürden unseres Menschseins: Wir können die Wahrheit längst erkannt haben und trotzdem an der Form festhalten.


Gestern zeigte sich am Himmel ein Bild, das kaum besser zu diesem Gedanken passen könnte: eine Sonnenfinsternis. Der Mond schiebt sich vor die Sonne und plötzlich wird es dunkel. Aber die Sonne hat nicht aufgehört zu leuchten. Nicht für eine einzige Sekunde. Nur etwas hat sich zwischen uns und sie geschoben. Wenn wir die Sonne als unser geistiges Wesen, als das Licht verstehen und den Mond als Symbol unserer verkörperten, emotionalen Existenz, dann wird aus einem einfachen Himmelsphänomen plötzlich ein gewaltiges Bild:


Die Form schiebt sich vor das Licht. Die Inkarnation schiebt sich vor das, was wir in Wahrheit sind. 


Und wir glauben, das Licht sei verschwunden. Dabei leuchtet es unverändert weiter. Vielleicht ist genau das unsere Bürde. Nicht, dass wir kein Licht wären – sondern dass wir immer wieder vergessen, dass es auch dann leuchtet, wenn wir es gerade nicht sehen können. Und ausgerechnet während einer totalen Sonnenfinsternis geschieht etwas Wunderbares: Wenn das vertraute Licht vollständig verdeckt ist, wird die Korona sichtbar. Der Schatten vernichtet das Licht nicht. Er offenbart etwas davon, das wir vorher nicht sehen konnten.


In einem astrologischen Text über Saturn begegnete mir dafür ein Bild, das mich nicht mehr loslässt: der König und seine Bürde. 


Dem König wird ein Zacken aus der Krone gebrochen. Er verliert den selbstverständlichen Anspruch auf Glanz, Anerkennung und Überfluss. Statt der Krone bekommt er einen schweren Stein auf die Schultern und muss ihn den Berg hinauftragen. Immer wieder. Jahrzehntelang gleicht dieser Stein dem Stein des Sisyphos.


Gerade wenn der Mensch glaubt, nun endlich oben angekommen zu sein, rollt er wieder hinab. Und wieder heißt es, zurückzugehen, sich zu beugen und ihn aufzunehmen. Erst auf dem Gipfel wird aus dem Stein des Sisyphos der Stein des Weisen.


Das Verstörende an diesem Bild ist nicht die Mühe. Es ist die Erkenntnis, dass jeder Widerstand den Stein nur schwerer macht. Denn vielleicht besteht die eigentliche Einweihung gar nicht darin, irgendwann für all die Mühe belohnt zu werden. Vielleicht besteht sie darin, aufzuhören, mit dem Leben über die Belohnung zu verhandeln.


Und genau da wird es unangenehm. Denn natürlich möchte ich sagen: Ja, ich habe es verstanden. Ich bin das Licht. Ich brauche keine Krone. Aber vielleicht noch nicht heute. Vielleicht darf diese Inkarnation doch noch ein bisschen schön werden. Ein bisschen Erfolg wäre nett. Ein bisschen gesehen werden. Ein bisschen Anerkennung für das, was man getragen, verstanden und gegeben hat. Den Rest mache ich dann in der nächsten Inkarnation.


Und genau darin steckt die Genialität des Egos. Es kann sogar aus dem spirituellen Weg einen Handel machen: Ich habe genug getragen – jetzt bin ich dran. Ich habe verstanden – jetzt darf ich leuchten. Ich habe meine Lektionen gelernt – jetzt möchte ich meine Krone zurück.


Vielleicht ist aber genau das die letzte Krone.


Dann bekommt für mich die Geschichte Jesu eine noch einmal andere Bedeutung. Der König bekommt tatsächlich eine Krone – aber es ist eine Dornenkrone. Im Auge der Welt endet sein Weg nicht im Triumph, sondern armselig: verspottet, verlassen, hingerichtet. Niemand steht unter dem Kreuz und sieht den strahlenden Sieger, den wir heute aus ihm gemacht haben. Und vielleicht liegt gerade darin die ungeheure Kraft dieses Bildes.


Ihr könnt mir alles nehmen, was zur Form gehört. Meinen Status. Meine Anerkennung. Meine Sicherheit. Sogar meinen Körper. Aber ihr könnt nicht berühren, was ich wirklich bin. 


Das Licht hängt nicht davon ab, was mit der Glühbirne geschieht.

Vielleicht bedeutet das nicht, dass wir leiden sollen. Es bedeutet nicht, Freude, Liebe, Geld oder Erfolg abzulehnen. Das wäre nur die nächste spirituelle Verkleidung des Egos. Vielleicht dürfen wir alles genießen, was das Leben uns schenkt. Nur eines funktioniert irgendwann nicht mehr: daraus abzuleiten, wer wir sind. Die Glühbirne darf wunderschön sein. Sie darf strahlen und gesehen werden. Aber tausend Menschen, die ihr Licht bewundern, machen das Licht nicht größer. Und niemand, der hinsieht, macht es nicht kleiner.


Vielleicht ist das die eigentliche Bürde: nicht der Stein, den wir tragen. Sondern die immer wiederkehrende Versuchung, aus unserem Leben doch noch eine Geschichte machen zu wollen, in der der König am Ende seine Krone zurückbekommt. Vielleicht beginnt Freiheit genau dort, wo wir aufhören zu verlangen, dass unser Leben so verlaufen muss, wie unser Ich es sich vorgestellt hat.


Und vielleicht werde ich morgen schon wieder mit Gott darüber streiten. Vielleicht werde ich jammern, mich beschweren und fragen, warum ausgerechnet mein Stein so schwer sein muss. Vielleicht werde ich wieder nach meiner Krone greifen.


Aber heute kann ich für einen Augenblick sehen:


Die Form kann sich vor das Licht schieben.

Aber sie kann das Licht niemals auslöschen.


Und vielleicht ist genau das die Einweihung, die hinter der Bürde verborgen liegt.


Der Schatten ist nicht das Gegenteil des Lichts.

Er ist das Tor, durch das wir erkennen können,

dass wir es die ganze Zeit gewesen sind.


Erinnere Dich

1 Kommentar


Gast
14. Aug.

Ja, genau so sehe ich es auch ❤️

Im Buddhismus heißt es "wollen und übelwollen" sind die größten Hindernisse 😇

HERR DEIN Wille geschehe 🙏💫✨💫🙏

Wem vertrauen wir?

Liebe Grüße 💖

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