Maria Himmelfahrt - Körper oder Geist
Wenn du dich entscheiden müsstest - Körper oder Geist?

Stell dir vor, du müsstest dich entscheiden.
Du könntest reiner Geist sein. Frei von Alter, Krankheit und Tod. Keine Schmerzen, keine körperlichen Grenzen. Einfach Bewusstsein. Seele. Licht.
Oder du behältst deinen Körper.
Du kannst die Sonne auf deiner Haut spüren. Essen und schmecken. Tanzen. Begehren. Sexualität erleben. Einen Menschen küssen. Lachen, weinen, lieben. Du kannst jemandem in die Augen schauen, seine Hand halten, ihn wirklich in den Arm nehmen.
Wofür würdest du dich entscheiden?
Gar nicht so einfach.
Aber vielleicht ist schon die Frage falsch.
Denn wer hat eigentlich behauptet, dass wir uns entscheiden müssen?
Gestern war Mariä Himmelfahrt.
Ein Feiertag, den viele kennen.
Aber manchmal lohnt es sich,
bei einem vertrauten Bild eine ganz einfache Frage zu stellen:
Was wird da eigentlich erzählt?
Maria wird mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen.
Warum mit dem Leib?
Unsere gewöhnliche Vorstellung sieht doch anders aus:
Wir werden geboren, leben in einem Körper und irgendwann stirbt dieser Körper.
Er bleibt zurück. Und wenn wir an eine Seele oder einen Geist glauben, dann zieht dieser Teil von uns weiter.
Körper hier.
Geist dort.
Erde unten.
Himmel oben.
Nur Maria hält sich nicht daran?
Seit Jahren begleitet mich ein Satz:
Du bist das Licht und nicht die Glühbirne.
Darin steckt für mich nach wie vor eine tiefe Wahrheit.
Wir sind mehr als unser Körper, unser Name, unsere Geschichte und all die Rollen, für die wir uns halten.
Aber was wäre das Licht auf dieser Erde ohne eine Form, durch die es erscheinen kann?
Ohne meinen Körper könnte ich dich nicht ansehen. Nicht berühren. Nicht mit dir sprechen. Nicht lieben.
Vielleicht ist mein Körper deshalb nicht einfach eine Hülle.
Vielleicht ist er die Erscheinungsform meines Lichtes.
Und genau an dieser Stelle wird es wirklich interessant.
Denn Maria ist keineswegs die einzige Geschichte, in der unsere einfache Rechnung von Körper und Geist nicht aufgeht.
Jesus stirbt. Sein Körper wird in ein Grab gelegt. Das Grab ist leer. Anschließend erscheint er seinen Jüngern. Sie sehen ihn, hören ihn, berühren ihn.
Er trägt noch immer seine Wunden und isst mit ihnen.
Und trotzdem ist etwas anders.
Er erscheint und verschwindet. Seine Erscheinungsform scheint nicht mehr denselben Bedingungen zu unterliegen wie zuvor.
Körper? Geist? Oder etwas Drittes?
Und wer jetzt glaubt, das sei ausschließlich eine christliche Vorstellung, stößt auf etwas Erstaunliches.
Im tibetischen Buddhismus gibt es die Überlieferung vom Regenbogenkörper – einer Transformation, bei der sich die gewöhnliche körperliche Erscheinungsform eines hoch verwirklichten Menschen verändert.
In indischen und yogischen Traditionen begegnen uns subtile Körper und Siddhis – Erzählungen von Menschen, deren Verkörperung und Fähigkeiten nicht mehr den gewöhnlichen Grenzen zu folgen scheinen.
Mystische und esoterische Überlieferungen wiederum erzählen von Lichtkörpern, von materialisierten Erscheinungsformen und von Meistern, die sichtbar und sogar berührbar erscheinen und anschließend wieder verschwinden.
Andere Kulturen. Andere Zeiten. Andere Worte.
Und trotzdem immer wieder dieselbe erstaunliche Idee:
Vollendung muss nicht Körperlosigkeit bedeuten.
Vielleicht haben wir „Körper“ einfach viel zu eng definiert.
Wir kennen unsere Erscheinungsform in einer bestimmten Dichte:
Haut, Knochen, Organe, Hunger, Müdigkeit, Alter.
Und weil wir diese Form kennen, halten wir sie für Körper schlechthin.
Aber Wasser kann Eis sein.
Es kann fließen.
Es kann zu Dampf werden.
Es verschwindet nicht.
Sein Aggregatzustand verändert sich.
Was wäre, wenn auch Erscheinungsform unterschiedliche Dichten besitzen könnte?
Dann müsste eine feinere Erscheinungsform nicht bedeuten, keinen Körper mehr zu haben.
Sie könnte bedeuten:
anders Körper zu sein.
Und plötzlich verändert sich auch das Wort Auferstehung.
Nicht Abschaffung des Körpers.
Transformation der Erscheinungsform.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis, das so viele unterschiedliche Traditionen mit ihren jeweils eigenen Bildern zu beschreiben versuchen.
Und vielleicht führt uns das wieder zurück zu Maria.
Denn Mariä Himmelfahrt könnte dann viel mehr sein als die Vorstellung einer Frau, die diese Erde verlässt und irgendwo „oben“ ankommt.
Vielleicht erzählt sie von Vermählung.
Von der Vereinigung dessen, was wir voneinander getrennt haben:
Körper und Geist.
Erde und Himmel.
Materie und Licht.
Lunar und solar.
Weiblich und männlich.
Nicht das eine muss verschwinden, damit das andere vollkommen werden kann.
Sie gehören zusammen.
Und plötzlich bekommt Inkarnation eine ungeheure Schönheit.
Das Licht bekommt eine Form.
Es wird sichtbar.
Fühlbar.
Berührbar.
Es bekommt Hände, Augen, eine Stimme und ein Gesicht.
Es kann schmecken. Tanzen. Küssen. Lieben. Es kann einen anderen Menschen in den Arm nehmen und für einen Augenblick erfahren, wie sich Nähe in einem Körper anfühlt.
Vielleicht ist der Körper deshalb nicht das Problem, das wir am Ende unserer spirituellen Reise endlich loswerden müssen.
Vielleicht ist er Teil des Wunders.
Und dann bekommt auch ein vertrauter Satz einen anderen Klang:
Wie im Himmel, so auf Erden.
Vielleicht ist das keine Vertröstung auf später.
Vielleicht ist es eine Einladung zur Vereinigung.
Was im Himmel eins ist, darf auch auf Erden eins werden.
Und vielleicht war deshalb bereits die erste Frage dieses Textes falsch.
Körper oder Geist?
Vielleicht müssen wir uns niemals entscheiden.
Vielleicht besteht genau darin die heilige Vermählung.
Himmelfahrt bedeutet nicht, die Erde zu verlassen.
Himmelfahrt bedeutet, Himmel und Erde in der eigenen Erscheinungsform zu vermählen.
Erinnere Dich




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