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Die kleine Raupe, die kein Schmetterling werden wollte

7. Juni
3 Min. Lesezeit
Die kleine Raupe . Christian Vorsmann . MArsberg . Hypnose . Coaching . Aufstellungenm . Systemische Arbeit

Es war einmal eine kleine Raupe.


Sie lebte auf einem großen grünen Blatt zusammen mit vielen anderen Raupen.

Die Tage waren angenehm.

Es gab genug zu essen, genug Sonne und genug Gesellschaft.


Eigentlich war alles so, wie es sein sollte.


Die kleine Raupe mochte ihr Leben.


Sie mochte ihre Blätter.

Sie mochte ihre Freunde.

Sie mochte die vertrauten Äste ihres Baumes.


Warum sollte man sich etwas anderes wünschen?


Eines Tages landete ein Schmetterling auf ihrem Blatt.


Die kleine Raupe hatte noch nie einen Schmetterling aus der Nähe gesehen.

Seine Flügel schimmerten in den schönsten Farben, und er bewegte sich mit einer Leichtigkeit, die sie faszinierte.


„Wow“, sagte die kleine Raupe. „Du bist aber schön.“


Der Schmetterling lächelte.

„Danke.“


„Was bist du?“

„Ein Schmetterling.“


Die kleine Raupe betrachtete ihn eine Weile.

„Und was macht ein Schmetterling?“


Der Schmetterling erzählte von Blumenwiesen, von warmen Sommerwinden und von Orten weit hinter dem Wald. Er erzählte von Sonnenaufgängen über den Baumwipfeln und von Farben, die man vom Boden aus kaum erkennen konnte.


Die kleine Raupe hörte aufmerksam zu.


Es klang wunderschön.

Fast zu wunderschön.


Dann erzählte der Schmetterling ihr etwas Merkwürdiges.


Eines Tages, sagte er, würde auch sie ein Schmetterling werden.

Die kleine Raupe musste lachen.


Sie blickte auf ihren langen Raupenkörper und ihre vielen kleinen Beinchen.

Dann blickte sie wieder zu dem Schmetterling.


Das konnte unmöglich sein.


Sie mochte ihr Leben.

Sie mochte ihre Welt.


Warum sollte sie etwas werden wollen, das sie sich nicht einmal vorstellen konnte?

Als der Schmetterling davongeflogen war, dachte sie noch eine Weile über das Gespräch nach.


Dann schüttelte sie den Kopf.


„Nein danke“, sagte sie.

„Ich bleibe Raupe!“


Und damit war die Sache für sie erledigt.

Zumindest glaubte sie das.


Die Tage vergingen.

Wochen vergingen.

Monate vergingen.


Doch immer wieder musste sie an den Schmetterling denken.


An seine Farben.

An seine Leichtigkeit.

An die Geschichten, die er erzählt hatte.


Und obwohl sie es sich selbst nicht eingestehen wollte, fragte sie sich immer häufiger, wie es wohl wäre, ein Schmetterling zu sein.


Schließlich wurde die Neugier größer als ihr Widerstand.

Sie beschloss herauszufinden, wie man Schmetterling wird.


Von diesem Tag an suchte sie nach dem Weg.


Sie hörte den klügsten Raupen zu.

Sie suchte nach den besten Blättern.

Sie beobachtete alles und jeden.


Sie strengte sich an.

Sie gab sich Mühe.

Sie versuchte alles, was ihr einfiel.


Doch egal, was sie tat – am Abend blickte sie an sich herunter und sah immer noch dasselbe:


eine Raupe.


Mit der Zeit wurde sie frustriert.

Vielleicht, dachte sie, war das mit dem Schmetterling doch nur eine schöne Geschichte gewesen.


Vielleicht war sie einfach nicht dafür bestimmt.


Eines Tages begegnete sie dem Schmetterling erneut.


Er setzte sich neben sie, als wäre kein Tag vergangen.


Die kleine Raupe erzählte ihm von ihrer Suche.


Von ihren Anstrengungen.

Von ihren Enttäuschungen.


Und davon, dass nichts funktioniert hatte.


Der Schmetterling hörte aufmerksam zu.

Dann lächelte er.


„Natürlich hat es nicht funktioniert.“


Die kleine Raupe blickte ihn erstaunt an.

„Warum nicht?“


Der Schmetterling schwieg einen Moment.

Dann sagte er:

„Weil du die ganze Zeit versucht hast, etwas zu werden.“


Die Raupe verstand nicht.


Der Schmetterling blickte zum Himmel.

„Das Verrückte ist“, sagte er, „dass du den Schmetterling überall gesucht hast – außer dort, wo er wirklich ist.“


Die kleine Raupe sah ihn fragend an.


Der Schmetterling tippte ihr sanft auf die Brust.

„Hier.“


Die Raupe schwieg.


„Der Schmetterling ist nichts, was du erreichen musst.

Nichts, was du lernen musst.

Nichts, was du dir verdienen musst.“


Er lächelte.

„Er war die ganze Zeit schon in dir.“


Die kleine Raupe blickte lange auf ihr Blatt.

Dann auf den Schmetterling.


Und zum ersten Mal fragte sie sich, ob sie ihr ganzes Leben lang nach etwas gesucht hatte, das sie niemals verlieren konnte.


Der Schmetterling breitete seine Flügel aus.


„Manche Dinge geschehen nicht, weil wir sie machen“, sagte er.

„Manche Dinge geschehen, weil ihre Zeit gekommen ist.“


Dann flog er davon.


Die kleine Raupe blieb allein zurück.


Zum ersten Mal blickte sie nicht auf die Welt um sich herum.

Zum ersten Mal blickte sie nach innen.


Und dort begann etwas, das sie nicht erklären konnte.


Erinnere dich...



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