Das Licht hinter der Form

Wie begegnest du den Menschen in deinem Leben?
Siehst du in deinem Vater nur den Vater?
In deiner Mutter nur deine Mutter?
In deinem Partner den Menschen, der dich manchmal verletzt?
In deinem Kollegen den Nervigen?
Oder in deinem Klienten das Problem, das gelöst werden muss?
Vielleicht liegt genau hier der Ursprung vieler Konflikte.
Vor einigen Tagen stieß ich auf die Gedanken des Philosophen Martin Buber.
Er unterscheidet zwischen zwei Arten der Begegnung:
Ich–Es und Ich–Du.
Während ich mich mit seinen Gedanken beschäftigte, wurde mir etwas bewusst.
Nicht, weil Buber mir etwas völlig Neues erzählt hätte. Sondern weil ich plötzlich einen Satz auf meiner eigenen Homepage mit neuen Augen sah.
Dort steht seit langer Zeit:
„Du bist nicht die Glühbirne. Du bist das Licht.“
Ich dachte immer, dieser Satz würde sich von selbst erklären.
Doch erst jetzt wurde mir klar, dass viele ihn wahrscheinlich ganz anders verstehen,
als ich ihn meine.
Für mich geht es dabei nicht darum, dass wir selbst das Licht sind oder es erschaffen.
Das Licht ist das Eine. Es ist der Ursprung. Manche nennen ihn Gott, andere Bewusstsein, wieder andere das Leben selbst. Die Worte sind unterschiedlich. Entscheidend ist etwas anderes.
Es gibt nur ein Licht. Alles andere sind Formen, Ausdruck desselben Lichts.
Wir Menschen sind verschieden. Unsere Geschichten sind verschieden.
Unsere Verletzungen, unsere Talente und unsere Persönlichkeiten unterscheiden sich.
So wie jede Glühbirne eine andere Form haben kann.
Doch das Licht, das durch sie scheint, bleibt dasselbe.
Dieser Gedanken, der mich seit Jahren begleitet, etwas anders ausgedrückt:
Alle Formen sind Ausdruck desselben Lichts. Deshalb besteht Heilung darin,
die Trennung zwischen den Formen zu überwinden und das Licht in allem wiederzuerkennen.
Seit über zwanzig Jahren beschäftige ich mich mit Astrologie, Familienaufstellungen, Hypnose und Spiritualität.
Früher hätte ich gesagt, das seien verschiedene Methoden.
Heute würde ich sagen: Es sind verschiedene Sprachen,
die alle auf dieselbe Wahrheit hinweisen.
Astrologie beschreibt die verschiedenen Archetypen unseres Menschseins.
Familienaufstellungen machen sichtbar, wo Verbindung verloren gegangen ist.
Hypnose hilft, den Weg zurück zu den eigenen inneren Räumen zu finden.
Und Spiritualität erinnert uns daran, dass wir nie wirklich vom Ursprung getrennt waren.
Im Kern geht es immer um dieselbe Bewegung:
Vom Getrenntsein zurück in die Verbindung.
Vielleicht bedeutet eine wirkliche Ich–Du-Beziehung deshalb viel mehr,
als einem Menschen höflich oder respektvoll zu begegnen.
Vielleicht beginnt sie dort, wo ich hinter seiner Geschichte, hinter seinen Verletzungen, hinter seinem Verhalten und sogar hinter seinen Fehlern wieder das Licht erkenne.
Das verändert nicht nur den anderen.
Es verändert zuerst mich.
In den vergangenen Tagen stellte ich mir noch eine andere Frage.
Wenn wir in einer phänomenologischen Aufstellung erleben können, dass schon ein einziger innerer Gedanke einen ganzen Raum verändert – was geschieht dann, wenn ich einem Menschen nicht mit Angst, Urteil oder Misstrauen begegne, sondern mit dem stillen Gedanken:
Du bist Licht.
In Aufstellungen habe ich immer wieder erlebt, dass ein Stellvertreter allein durch eine innere Zuordnung plötzlich von allen Beteiligten anders wahrgenommen wird. Wird ihm beispielsweise die Qualität „Ungerechtigkeit“ zugeordnet, verändert sich oft die Atmosphäre im Raum.
Menschen gehen auf Abstand.
Sie reagieren anders.
Sie spüren etwas, das vorher nicht da war.
Warum das so ist, kann ich bis heute nicht wirklich erklären.
Ich beobachte dieses Phänomen seit vielen Jahren – und es erfüllt mich immer wieder mit Staunen. Doch genau daraus entstand für mich eine neue Frage.
Wenn schon ein Gedanke wie „Ungerechtigkeit“ einen Raum verändern kann – was geschieht dann, wenn ich einem Menschen mit dem Gedanken begegne:
Du bist Licht.
Nicht als Technik.
Nicht als Methode.
Nicht als positive Affirmation.
Sondern als tiefes inneres Erkennen.
Vielleicht verändert sich zuerst gar nicht der andere.
Vielleicht verändert sich zuerst mein eigener Blick.
Und vielleicht beginnt genau dort Heilung.
Nicht weil ich den anderen verändere.
Sondern weil ich hinter seiner Form wieder das Licht erkenne.
Vielleicht beginnt genau dort eine wirkliche Ich–Du-Beziehung.
Auf meiner Homepage stehen seit Jahren drei Worte:
Verstehen. Vergeben. Verbinden.
Erst jetzt ist mir bewusst geworden, wie tief sie eigentlich miteinander verbunden sind.
Verstehen bedeutet, hinter die Form zu schauen.
Zu erkennen, dass jeder Mensch aus seiner Geschichte heraus handelt.
Vergeben bedeutet nicht, alles gutzuheißen.
Es bedeutet, die Trennung loszulassen, die uns an Schmerz, Urteil und Vergangenheit bindet.
Und Verbinden bedeutet schließlich, das Licht hinter der Form wiederzuerkennen.
Im anderen.
In uns selbst.
Und vielleicht sogar in allem, was uns begegnet.
Vielleicht ist genau das der Weg.
Nicht eine bessere Glühbirne zu werden.
Sondern zu erkennen, dass das Licht nie getrennt war.
Erinnere dich!




Kommentare