Coniunctio oppositorum

Die heilige Vereinigung der Gegensätze
Seit Jahrtausenden schauen Menschen nach oben.
Dort vermuten wir Gott, das Licht, den Himmel, die Ewigkeit.
Wir sprechen vom Aufstieg, von höheren Ebenen des Bewusstseins, von anderen Dimensionen, von der Rückkehr zur Quelle.
Und irgendwann, wenn dieser Körper seine Aufgabe erfüllt hat, kehren wir vielleicht dorthin zurück, woher wir gekommen sind.
Vielleicht ist das, wonach wir uns alle sehnen, viel näher, als wir denken.
Ist Gott nicht längst zu uns gekommen?
Maria – Sinnbild für das Weibliche, das Empfangende, für die Erde,
für Gaia – empfängt den Heiligen Geist, das Göttliche.
Himmel und Erde vereinigen sich.
Geist und Materie werden eins.
Und aus dieser Vereinigung entsteht etwas vollkommen Neues:
Jesus Christus. Das göttliche Kind.
Das Heilige entsteht nicht dadurch, dass der irdische Pol überwunden wird.
Der Himmel besiegt nicht die Erde.
Der Geist besiegt nicht den Körper.
Aus ihrer Vereinigung entsteht etwas Neues.
Die Alchemie kennt dafür einen wunderbaren Ausdruck:
Coniunctio oppositorum.
Die Vereinigung der Gegensätze.
Die heilige Hochzeit.
Und dieses Wunder bist auch du
Denn wir kennen dieses Wunder nicht nur aus alten Überlieferungen.
Wir sind selbst daraus entstanden.
Auch du bist das Ergebnis der Vereinigung zweier Pole:
ein Mann und eine Frau,
Vater und Mutter.
Zwei Körper, zwei Geschichten,
zwei Ahnenlinien, zwei eigenständige Welten.
Und daraus entsteht ein Kind.
Du.
Dieses Kind ist etwas vollkommen Neues.
Es ist weder Vater noch Mutter.
Beide sind in ihm aufgehoben und zu einer neuen Einheit geworden.
Wo zwei sich wirklich vereinigen,
entsteht etwas, das vorher nicht existierte.
Und vielleicht übersehen wir dabei etwas Entscheidendes:
Wir suchen nach der Vereinigung der Gegensätze,
obwohl wir selbst längst aus ihr hervorgegangen sind.
In jedem von uns sind Vater und Mutter bereits vereint.
Wir sind nicht mehr das Eine oder das Andere.
Wir sind das Dritte, das aus beiden entstanden ist.
Und vielleicht gilt genau das auch für Himmel und Erde,
Geist und Materie:
Vielleicht müssen wir ihre Einheit nicht erst irgendwo finden.
Vielleicht sind wir selbst der Ort, an dem sie sich begegnen.
Und wir alle beginnen unser Leben zunächst in Verbindung.
In den ersten Lebensmonaten gibt es noch kein ausgeprägtes Ich,
das sich klar von der Welt abgrenzt.
Wir erleben uns noch nicht als getrennt von allem anderen.
Wir sind verbunden – mit der Welt, mit dem Leben, mit dem Göttlichen.
Wir leben noch nicht in der Polarität. Erst wenn wir älter werden, entwickelt sich das Bewusstsein eines eigenen Ichs.
Durch Sprache, Erziehung, Erfahrungen und Konditionierungen lernen wir zunehmend:
Ich bin hier. Die Welt ist dort.
„Werdet wie die Kinder“
Vielleicht ist mit dieser Metapher gar nicht gemeint, dass wir wieder kindlich oder naiv werden sollen. Vielleicht sollen wir uns an das erinnern, was uns als Kindern noch selbstverständlich war:
die Verbundenheit mit Gott,
mit der Quelle, mit dem Leben –
bevor wir gelernt haben,
uns als getrennt davon zu erfahren.
Eine Geschichte, die noch viel älter ist
Und dieses Bild vom göttlichen Kind begegnet uns schon lange vor Jesus.
Im alten Ägypten finden wir Isis und Osiris.
Aus ihrer Verbindung wird Horus geboren – wieder das göttliche Kind,
wieder das Dritte, das aus der Vereinigung hervorgeht.
Und Horus trägt ein faszinierendes Symbol: Seine beiden Augen wurden mit
Sonne und Mond verbunden – zwei Augen, zwei Pole. Zugleich lässt sich das Auge des Horus in unserer heutigen spirituellen Symbolsprache mit dem dritten Auge verbinden.
Zwei Augen sehen die Dualität. Das dritte Auge erkennt die Einheit.
Nondualität. Und vielleicht liegt genau hier die überraschendste Wendung dieser ganzen Geschichte:
Was, wenn wir gar nicht geistiger werden müssen?
Was, wenn unsere Aufgabe nicht darin besteht, den Körper irgendwann hinter uns zu lassen, sondern das Göttliche vollständig in ihn hineinzulassen?
Dann ist der Körper nicht das Gefängnis der Seele, sondern ihr Tempel.
Inkarnation wäre kein bedauerlicher Abstieg des Göttlichen in die Materie, sondern genau das Gegenteil:
Materie ist die Möglichkeit des Göttlichen, sichtbar zu werden.
Maria trägt das Göttliche in ihrem Körper.
Das Kind trägt Vater und Mutter in sich.
Horus trägt Sonne und Mond in seinen Augen.
Und wir?
Wir tragen den Himmel in uns.
Ist das vielleicht die eigentliche Bedeutung von Menschwerdung?
Nicht, dass wir irgendwann sterben und unseren Körper überwinden müssen,
um in den Himmel zurückzukehren.
Sondern dass wir hier sind, um den Himmel auf die Erde zu holen.
Erinnere Dich!




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