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Wenn alte Wunden aufreißen – Über Schmerz, Transformation, Heilung und Würde

Ein Riss, der erinnert...


„Transformation ist kein sanftes Erwachen. Sie ist der Moment, in dem wir den Mut finden, unsere Wunde nicht mehr zu verstecken.“


wenn alte Wunden aufreißen - christian - vorsmann - marsberg


Es gibt Momente im Leben, da reißt etwas auf, von dem wir glaubten, längst darüber hinweg zu sein. Eine Geste, ein Wort, eine Absage – und plötzlich sind wir nicht mehr der erwachsene Mensch von heute, sondern wieder das Kind, das nicht gesehen wurde. Wir stehen da, verwundet, überrascht, fast beschämt darüber, wie tief es trifft.


Wir sprechen so oft von Transformation, als wäre sie ein sanftes Erwachen, ein Aufblühen ins Licht. Doch wahre Transformation ist kein Sonnenaufgang – sie ist ein Erdbeben. Sie beginnt dort, wo alte Wunden wieder aufbrechen. Nicht, um uns zu quälen, sondern um uns zu erinnern: Hier ist noch etwas, das gesehen werden will.


Wir fürchten nicht das Neue. Wir fürchten das Alte. Den Schmerz, von dem wir glauben, wir könnten ihn kein zweites Mal überleben. Lieber bleiben wir in Rollen, Masken, Identitäten, die uns festhalten, als den Mut aufzubringen, diesen Schmerz noch einmal zu fühlen.

Doch genau hier liegt das Tor. Nur wer wagt zu fühlen, kann sich wandeln. Und nur wer sich selbst halten lernt, wird frei.



Die Täuschung des Lichts

Selbst nach Jahren auf dem spirituellen Weg sind wir nicht immun gegen diese Rückfälle in alte Gefühle. Oft ist Spiritualität sogar ein Versuch, den Schmerz zu umhüllen – eine stille Hoffnung, dass Licht allein die Wunde verschließt. Wir glauben, wir seien längst darüber hinweg, weil wir anderen helfen, weil wir meditieren, lehren, heilen. Doch die Wahrheit ist: Auch wer Licht trägt, blutet.


Gerade wir, die glauben, fortgeschritten zu sein, sind manchmal am tiefsten überrascht, wenn wir plötzlich wieder fallen. Denn wenn eine alte Wunde aufreißt, dann nützt für einen Moment kein Wissen, keine Technik, keine Meditation. Für Sekunden ist alles vergessen – und unser Körper übernimmt. Das limbische System reagiert, lange bevor das Bewusstsein denkt. Schmerz ist schneller als Weisheit.


Und doch liegt genau hier der Wendepunkt: Nicht im Verdrängen, sondern im Innehalten. Im Erkennen: Ich bin nicht nur diese Reaktion. Ich darf fühlen – ohne mich zu verlieren.

Viele von uns, die begleiten, heilen, Wege öffnen, tragen unerlöste eigene Geschichten mit sich. Wir glauben unbewusst, durch das Helfen andere zu heilen, selbst heil zu werden. Doch das Leben – in seiner radikalen Liebe – schickt uns Menschen, die genau diesen blinden Fleck berühren. Nicht um uns zu strafen, sondern um uns heimzuführen.


Heute durfte ich erkennen: Auch nach Jahren der inneren Arbeit gibt es Orte in mir, die noch gehalten werden wollen. Nicht von außen – von mir.

Denn wir sind nicht nur Geschichte. Wir sind nicht nur Rolle, Maske, Biografie. Wir sind Geist – Bewusstsein – fähig, all das zu umarmen. Hier beginnt wahre Freiheit: Nicht durch Flucht in Licht, sondern durch den Mut, in die Dunkelheit zu gehen, ohne sich zu verlieren.



Der Ruf nach Wunder – und die Wahrheit dahinter

Wir alle sehnen uns nach einem kleinen Wunder im Außen – nach dem Heiler, der uns berührt, nach der Schamanin, die uns befreit, nach der Hypnose, die alles verändert. Doch all diese Wege führen nicht hinaus, sondern hinein. Kein Mensch, kein Ritual, keine Methode erlöst uns, wenn wir nicht bereit sind, dem eigenen Schmerz zu begegnen. Sie können Türen öffnen, ja – aber hindurchgehen müssen wir selbst.


Und genau deshalb ist Transformation so gefürchtet. Wir stellen sie uns vor wie ein sanftes Erwachen, ein Licht, das uns umarmt. Doch Transformation ist kein Sonnenaufgang – sie ist ein innerer Sturm. Ein Beben, das die Mauern einreißt, hinter denen wir unser ältestes Zittern versteckt haben. Denn sonst wären wir längst selbst dorthin gegangen.


Selbst wir, die seit Jahren als Begleiter, Heiler oder Lichtarbeiter wirken, sind nicht davor geschützt. Auch wir werden getriggert. Auch wir vergessen, für einen Moment, alles Gelernte. Auch wir fallen in alte Reflexe – in Wut, in Rückzug, in Verteidigung. Der Unterschied ist nur: Wir bleiben nicht mehr dort. Wir erkennen schneller, dass dieser Schmerz nicht unser Feind ist, sondern eine Schwelle.


Bewusstsein bedeutet nicht, nie wieder zu fallen. Bewusstsein bedeutet, im Fall wach zu bleiben. Nicht wochenlang in Verletzung zu verharren, sondern innezuhalten und zu sagen: Hier ist eine alte Wunde. Ich halte sie. Ich fliehe nicht.


Und genau darum arbeite ich mit all dem – mit Hypnose, mit inneren Reisen, mit Seele. Weil Heilung niemals im Außen beginnen kann. Die Welt ist nicht, wie sie ist. Die Welt ist, wie wir sind. Wenn wir unser Leben verändern wollen, dann müssen wir uns selbst begegnen. Unsere Rollen hinterfragen, unsere Masken liebend entlarven. Nicht um sie zu zerstören – sondern um zu erkennen: Ich bin mehr als das.





Gott im Schmerz – und die Rückkehr zu mir selbst

Heute erkenne ich, wie schnell ich wieder auf Gott geschimpft habe – und es ist mir fast peinlich. Doch auch das gehört dazu. Es ist menschlich. Gott fordert keine Makellosigkeit. Vielleicht freut er sich sogar, wenn wir schreien – denn es bedeutet, dass etwas sich bewegt. Schmerz ist kein Beweis gegen Gott. Schmerz ist oft seine Sprache.

Ich wünsche mir, es wäre leichter. Ich wünschte, Wandlung käme ohne Tränen. Doch der Weg führt nicht um den Schmerz herum – er führt hindurch. Und hinter dieser Schwelle liegt nichts Geringeres als Freiheit.





Der Weg durch die Wunde – Einladung an den Leser

Wenn alte Wunden aufreißen, glauben wir oft, etwas sei falsch mit uns. Wir schämen uns für unseren Schmerz, versuchen stark zu bleiben, spirituell zu wirken, bewusst. Doch wahre Größe zeigt sich nicht darin, niemals verletzt zu werden – sondern darin, sich im Schmerz nicht zu verlassen.


Vielleicht trägst auch du eine Geschichte in dir, die du lange verborgen hast. Eine Angst, wieder übersehen zu werden. Ein altes Nein. Ein stilles Noch-immer. Und vielleicht glaubst du, dass du erst ganz werden musst, bevor du dich zeigen darfst.


Doch ich sage dir: Du musst nicht fertig sein, um echt zu sein.

Würde bedeutet nicht, unverwundbar zu sein. Würde bedeutet, mit offenen Wunden aufrecht zu bleiben. Nicht, um stark zu wirken – sondern, um wahr zu sein.

Wir alle tragen Masken, Rollen, Geschichten. Doch hinter all dem bist du Bewusstsein – fähig, dich selbst zu halten. Vielleicht ist das der Moment, in dem Gott nicht mehr im Außen gesucht wird, sondern in dir erwacht.


Transformation ist kein sanftes Erwachen. Sie ist das Feuer, das uns entblößt – und frei macht. Und vielleicht beginnt Freiheit genau hier: Wenn wir aufhören zu warten, dass jemand uns rettet, und beginnen, uns selbst die Hand zu reichen.


Denn die Welt heilt nicht, indem sie uns endlich sieht. Sie heilt, wenn wir uns selbst erkennen.


Für alle, die fallen – und aufstehen. Für alle, die fühlen – und bleiben. Für alle, die glauben, sie müssten allein sein: Du bist es nicht.


Mit stillem Gruß,

Christian Vorsmann

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