Der Preis fürs Durchhalten
- Christian Vorsmann

- 9. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Wir alle kennen das: Durchhalten. Funktionieren. Weitermachen.Von klein auf lernen wir, dazuzugehören, Anerkennung zu suchen, gemocht zu werden und erfolgreich zu sein. Nicht, weil wir oberflächlich wären, sondern weil wir Menschen sind.
Unsere Gesellschaft ist genau darauf aufgebaut. Schule, Leistung und Vergleich prägen uns früh, später kommen Arbeit, Status und Sicherheit hinzu. Die Werbeindustrie lebt davon, uns permanent zu zeigen, wer wir sein könnten, wenn wir nur genug leisten, kaufen und erreichen. Und so halten wir durch – oft länger, als uns guttut. Nicht aus Bosheit, sondern aus dem tiefen Wunsch heraus, richtig zu sein.
Irgendwann jedoch läuft das Fass über.

Meistens geschieht das nicht mit einem Knall. Es gibt keinen großen Zusammenbruch, kein dramatisches Ereignis. Oft ist es leise. Der Körper beginnt, sich zu melden. Das Nervensystem wird unruhig. Oder innerlich entsteht eine Leere, die sich nicht mehr übergehen lässt.
Es ist dabei nicht das Fass selbst, das das Problem ist. Nicht unsere Stärke, nicht unsere Fähigkeit zu tragen und Verantwortung zu übernehmen. Das Problem ist das stetige Nachfüllen – ohne Pause, ohne Ablass, ohne echtes Innehalten. Und irgendwann läuft das Fass über. Nicht als Strafe und nicht als Versagen, sondern als ehrliches Signal.
Viele Entscheidungen in unserem Leben treffen wir „um zu“: um anerkannt zu werden, um sicher zu sein, um geliebt zu werden oder um etwas darzustellen. Das ist menschlich und lange Zeit auch notwendig. Doch irgendwann verschiebt sich etwas. Dann geht es nicht mehr darum, noch mehr hineinzufüllen, sondern darum, zu spüren, was es wirklich braucht.
Das bedeutet nicht weniger Aktivität und auch keinen Rückzug aus dem Leben. Es bedeutet einen anderen inneren Bezugspunkt.
Bewusst anders zu leben heißt nicht aufzuhören, sondern aufzuhören, sich selbst zu übergehen. Ich bin aktiv, ich bewege mich, ich trainiere – aber nicht mehr primär, um im Außen etwas zu beweisen. Sondern weil ich spüre, dass der Körper kein Behälter ist, der endlos gefüllt werden kann. Er ist ein Raum, der gehört werden will. Und je klarer wir ihn wahrnehmen, desto freier wird unser Erleben.
Vielleicht ist das eigentliche Ziel nicht Erfolg. Nicht Anerkennung. Nicht einmal Glück im klassischen Sinn. Vielleicht ist das Ziel, aus der Illusion auszusteigen, dass wir unendlich tragen müssen, um wertvoll zu sein. Bewusstsein wächst nicht durch weiteres Durchhalten, sondern durch Ehrlichkeit.
Und hinter dieser Ehrlichkeit liegt für viele – jeder in seiner eigenen Sprache – das, was größer ist als wir selbst: Einheit, Verbundenheit, Gott. Nicht als Konzept, sondern als Erfahrung.



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