Dein Wille geschehe – warum Anpassung kein Leben ist
- Christian Vorsmann

- 5. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Es gibt eine Wahrheit, die wir uns selten eingestehen, weil sie unbequem ist: Wir haben Manneskraft, Marskraft, Triebkraft kollektiv mit Herrschaft verwechselt. Und aus genau dieser Verwechslung heraus haben wir etwas zutiefst Lebendiges amputiert. Nicht, weil es falsch war. Sondern weil es unbequem war.

Was amputiert wurde, war nicht Aggression, nicht Machtgier, nicht Dominanz. Amputiert wurde der archetypische Impuls, der uns überhaupt erst lebendig macht: der innere Wille, der sagt Hier bin ich. Der Trieb, der nicht fragt, ob er darf. Die Kraft, die sich zeigt, weil sie existiert. Astrologisch trägt diese Kraft einen Namen: Mars.
Mars ist kein Krieger im primitiven Sinn. Mars ist Leben in Bewegung. Mars ist das Prinzip, das uns aus der Anpassung in die Verkörperung bringt. Er steht für Richtung, Standhalten, Entscheidung und gelebten Willen.
Archetypisch gesprochen ist Mars die Fähigkeit, im eigenen Maß zu stehen, ohne sich zu erklären, ohne sich zu rechtfertigen, ohne sich kleiner zu machen, um dazuzugehören.
Und genau diese Kraft wird bei vielen Menschen sehr früh gebrochen. Nicht aus Bosheit. Sondern aus Angst. Angst vor Intensität, vor Eigenwillen, vor Lebendigkeit. Kinder lernen schnell, dass Zugehörigkeit einen Preis hat. Sei korrekt. Sei friedlich. Sei nicht zu viel. Pass dich an. Diese Anpassung war einmal sinnvoll. Sie hat Bindung gesichert. Doch später wird sie zur unsichtbaren Fessel. Man funktioniert, aber man lebt nicht mehr wirklich.
Anpassung fühlt sich oft wie Sicherheit an. In Wahrheit ist sie eine stille Form von Selbstverleugnung. Sie verhindert nicht Ablehnung – sie verhindert Anziehung. Sie verhindert Wirksamkeit. Sie verhindert Leben. Denn Leben ist nie neutral. Leben ist immer polar. Es hat Richtung. Es hat Spannung. Es hat einen Willen.
Hier berührt das Thema Sexualität einen zentralen Punkt, ohne dass es platt oder provokant werden muss. Sexualität ist kein Randthema, sie ist ein Wahrheitsbarometer. Sie zeigt gnadenlos, wo jemand lebt und wo jemand sich zurückhält. Lebendige Sexualität entsteht nicht aus Harmonie, sondern aus Spannung. Aus Unterschied. Aus Polarität. Aus dem Mut, nicht angepasst zu sein. Wer ständig darauf bedacht ist, niemanden zu verletzen, verletzt vor allem eines: die eigene Wahrheit. Und das spüren Menschen – im Kontakt, in Beziehungen, in Präsenz.
Das hat nichts mit Patriarchat zu tun. Es geht nicht um Dominanz über andere. Es geht um Souveränität über sich selbst. Archetypische Manneskraft bedeutet nicht, lauter zu sein, sondern standzuhalten. Nicht zu kontrollieren, sondern Richtung zu geben. Nicht zu kämpfen, sondern zu verkörpern. Diese Kraft ist weder männlich noch weiblich im biologischen Sinn. Sie ist menschlich. Und sie fehlt dort, wo Anpassung zur Lebensform geworden ist.
In der systemischen Arbeit bringt Bert Hellinger diesen Punkt radikal klar auf den Punkt, wenn er sagt: „Nimm deinen Vater. Nimm deine Mutter.“ Das ist kein moralischer Appell und keine Forderung nach Harmonie. Es ist ein Akt der Aneignung des Lebens. Das Kind sagt innerlich: Du bist mein Ursprung. Ich nehme dich – so wie du bist. In diesem Nehmen endet das innere Verhandeln. Und genau dort beginnt Mars. Dort beginnt Trieb im ursprünglichen Sinn: das Ja zum Leben, ohne Auswahl, ohne Korrektur, ohne Rückzug.
Vielleicht liegt die eigentliche Ursache jedoch noch eine Ebene tiefer. Wille und Handlung brauchen eine Quelle. Und diese Quelle ist das Herz. Wenn das Herz verschlossen ist, fehlt nicht der Mut, sondern die Wärme, aus der Kraft überhaupt entstehen kann. Astrologisch ist das eindeutig: Das Herz gehört zur Sonne, zum fünften Haus, zum Prinzip des Seins und der schöpferischen Lebendigkeit. Mars mag der Impuls sein, der in Bewegung bringt – doch ohne Sonne bleibt er leer oder richtet sich nach innen. Handlung ohne Herz wird Funktion. Wille ohne Quelle wird Anstrengung. Vielleicht ist das der tiefere Sinn dessen, was es heißt, den Vater zu nehmen: nicht als Person, sondern als Prinzip von Ursprung und Daseinsberechtigung. Dort, wo dieses Ja fehlt, zieht sich das Herz zurück – und mit ihm die Lebenskraft. Wo das Herz sich wieder öffnet, darf auch der Wille fließen. Nicht als Kampf, sondern als Ausdruck von Leben.
Interessanterweise ist auch im Spirituellen der Wille nie ausgeschlossen worden. Jesus sagt nicht: „Überleg es dir noch einmal“ oder „Wenn es niemanden stört“. Er sagt: „Dein Wille geschehe.“ Wille ist hier keine Ego-Laune. Er ist Ausrichtung. Verkörperung. Der Moment, in dem Leben geschieht, weil jemand innerlich nicht mehr ausweicht.
Vielleicht ist das die entscheidende Frage hinter all dem: Passt du dich an – oder lebst du? Stehst du in deinem Maß – oder hoffst du, dass es irgendwie passt? Sagst du Ja zu dir, auch auf die Gefahr hin, abgelehnt zu werden? Oder bleibst du korrekt und unsichtbar?
Mars fordert keine Rücksichtslosigkeit. Mars fordert Ehrlichkeit. Ehrlichkeit mit dir selbst. Ehrlichkeit darüber, was du willst, was du fühlst, wofür du stehst. Und auch darüber, was du ablehnst. Ablehnung ist kein Fehler. Sie ist Teil von Klarheit. Wer alles will, steht für nichts.
Leben beginnt nicht dort, wo es allen gefällt. Leben beginnt dort, wo jemand sagt: Hier stehe ich. Mit allen Facetten. Mit aller Spannung. Mit allem Risiko. Vielleicht ist genau das die radikale Wahrheit dieses Textes: Anpassung ist bequem – aber sie kostet Leben. Und Mars erinnert uns daran, dass wir nicht hier sind, um korrekt zu funktionieren, sondern um zu sein.
Dein Wille geschehe.
Nicht irgendwann.
Sondern jetzt.



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